Das Rentensystem – es scheint, wenn man den Experten Vertrauen schenkt, endgültig nicht mehr finanzierbar. Die Krankenvorsorge – sie muss dringend überarbeitet werden und ist an die Belastungsgrenze gekommen. Daneben sollten wir noch das Klima retten. Oder doch lieber unsere Landschaft? Oder die Arbeitsplätze in der Auto-Branche? Oder die Demokratie? Oder die Sicherheit und das Zusammenleben in unserem Land? Oder die Kirche? Ich bin überfordert. Ich kann das nicht alles retten. Und schon gar nicht gleichzeitig. Sind wir unrettbar verloren? Woher soll sie kommen, die Rettung?
Für viele liegt die Antwort in einem immer mehr. Immer mehr muss in immer weniger Zeit geleistet werden. In der Gesellschaft und auch in der Kirche. Im Amtsblatt der Erzdiözese gibt es da für Stellenbeschreibungen eine nette Formulierung: „Unter Beibehaltung seiner bisherigen Tätigkeit wird Pfarrer xy auch die Pfarreien sounso übernehmen.“ Mit der Kirchenentwicklung 2030 scheint da so manches zu kommen. Aber in der Kirche haben wir da kein Alleinstellungsmerkmal. Die Dinge müssen schneller gehen. Man hat ja auch bessere technische Hilfsmittel. Also: Effizienz lautet das Stichwort.
Immer mehr, immer schneller: das scheint genauso für die Freizeit zu gelten. Da noch schnell ein Trip auf den Weihnachtsmarkt in die Ravennaschlucht. Dort noch ein Konzert. Da noch geschwind einen Kuchen gebacken. Die Kinder zu diversen Feiern gebracht. Geburtstag. Klassenfahrt. Und was auch sonst. Alles muss aufregend und spannend sein. Und irgendwie außergewöhnlich. „Nur“ das Level vom letzten Mal zu halten. Das scheint zu wenig. Es muss schon eine Steigerung her. Da muss ich schon was vorzeigen können.
Wenn schon alles irgendwie schwierig und anstrengend wird: dann soll mir doch wenigstens die Freizeit eine Entschädigung geben. Und es müsste Fotos geben, die man ins Internet stellen und die alle bewundern können. Denn auch davon: Immer mehr. Immer mehr Zeit verbrachten die Deutschen im vergangenen Jahr im Internet. Jeden Tag im Schnitt 10 Stunden. Drei volle Tage in der Woche online. Kommt davon die Rettung her? In seiner letzten Generalaudienz vor dem Weihnachtsfest ist Papst Leo auf die Ruhelosigkeit eingegangen, die ihre Wurzeln darin hat, dass wir meinen, alles selbst bewirken zu müssen.
„Wir sind mit vielen Aktivitäten beschäftigt, die uns nicht immer zufriedenstellen. Viele unserer Handlungen haben mit praktischen, konkreten Dingen zu tun. Wir müssen Verantwortung für viele Verpflichtungen übernehmen, Probleme lösen, Schwierigkeiten bewältigen. […] Doch oft spüren wir, wie zu viel Tun, anstatt uns Erfüllung zu geben, zu einem Strudel wird, der uns überwältigt, uns unsere Gelassenheit nimmt und uns daran hindert, das, was in unserem Leben wirklich wichtig ist, in vollen Zügen zu leben. Dann fühlen wir uns müde und unzufrieden: Die Zeit scheint mit tausend praktischen Dingen verschwendet zu sein, die jedoch nicht den letzten Sinn unseres Daseins lösen.“ Denn letztlich: das müssen wir anerkennen. Wir werden die Welt nicht retten. Wir sind damit überfordert. Und wenn wir es nicht selbst merken, wird es zwangsläufig dazu führen, dass wir es auf die harte Tour lernen müssen. Es zeigt sich dann in dem, dass unsere Gesellschaft im Ganzen aber auch viele Einzelne in ihr dazu neigen, manisch-depressiv zu werden. Phasen, in denen man meint, alles lösen zu können wechseln sich ab mit Momenten, in denen einem alles zu viel wird. Man keine Perspektive mehr sieht. Das ist nicht nur für die Umgebung anstrengend, das ist auch für einen selbst zermürbend. „Manchmal fühlen wir uns am Ende eines Tages voller Aktivitäten leer“, so Papst Leo, und zwar weil „wir keine Maschinen sind, sondern ein ‚Herz‘ haben. Ja, wir können sogar sagen, dass wir ein Herz sind.“
Rettung kann uns deshalb nur das bringen, was uns in unserem Menschsein stärkt. Was uns darin fördert, dieses Herz zu öffnen. Mit aller Verletzlichkeit. Mit aller Schwachheit. Mit allen Fragen, die wir haben.
Rettung kann uns nur bringen, wo wir ehrlich sind – auch zu uns selbst. Wo wir unsere eigene Größe und gleichzeitig auch unsere eigene Bedürftigkeit erkennen und anerkennen. Rettung können wir deshalb nicht selbst machen oder bewirken. So sehr wir uns dafür anstrengen werden. Weder Besitz noch Leistung noch Macht kann sie uns bringen. Noch einmal Papst Leo: „Die authentische Haltung des Herzens besteht […] darin, […] das zu erreichen, was es vollständig erfüllen kann, nämlich die Liebe Gottes, oder besser gesagt Gott, der die Liebe ist.“ Das feiern wir an Weihnachten: dass Gott die Welt so sehr liebt, dass er ein Teil von ihr werden will. Dass er sich mitten in sie hinein begibt. Mit all ihren Schönheiten und Faszinationen. Mit all ihrer Zerbrechlichkeit und Widersprüchlichkeit. Mit all ihrer Sehnsucht und ihrer Suche nach dem Großen und Guten. Und mit all ihrem Dunkel, das durch Gier, Angst und Egoismus hervorgerufen wird. In Jesus Christus streckt uns Gott seine Hand entgegen, um dieses Dunkel zu überwinden.
Uns dieser Liebe zu öffnen, seine Hand zu ergreifen: das ist die Aufgabe, die Gott uns an Weihnachten stellt. Deshalb kommt er nicht mit der Macht eines Amtes oder dem Ansehen eines Gelehrten. Sondern als kleines, wehrloses Kind. Dessen einzige Macht das Lächeln ist. Das nur durch Schreien auf sich aufmerksam machen kann. Und das doch im Gegenüber die liebevolle Zuwendung bewirkt. Und das alles Geschäftige seiner Umgebung in Frage stellt. Ein Kind hat Zeit. Es lebt im Augenblick. Es rettet gar nichts. Es ist einfach nur da. Und will angenommen, geliebt werden. Paradoxerweise liegt gerade darin unsere Rettung, indem wir uns diesem göttlichen Kind zuwenden. Denn es sagt uns: Nicht im immer-mehr und im immer-schneller liegt das Heil. Nicht in noch effizienteren Strukturen, indem wir noch belastbarer werden, uns mit Hilfe von KI oder dem Fitnessstudio optimieren, werden wir einen Ausweg aus unserer Unsicherheit finden, werden unsere Probleme gelöst.
Sondern, indem wir langsamer werden. Uns Zeit füreinander nehmen, für die Stille nehmen, für Gott. Indem wir nicht mitmachen im Hamsterrad des immer-schneller. Sondern indem wir Wesentlicher werden. Und damit das tun, was unserem Wesen entspricht. In der Begegnung mit Gott und dem Nächsten, im Langsam-Werden und im Achten auf das Menschliche liegt also, so nochmal Papst Leo „das Geheimnis der Bewegung des menschlichen Herzens: zur Quelle seines Seins zurückzukehren, sich an der Freude zu erfreuen, die niemals versagt, die niemals enttäuscht. Niemand kann ohne einen Sinn leben, der über das Zufällige, über das Vergängliche hinausgeht. Das menschliche Herz kann nicht ohne Hoffnung leben, ohne zu wissen, dass es für die Fülle geschaffen ist, nicht für das Begehren.“ Das ist im Letzten vielleicht die Ursache für die vorherrschende Unzufriedenheit. Dass wir uns zu sehr haben einreden lassen, dass die Begierden das Entscheidende seien. Die schnell befriedigt werden können, aber niemals gestillt. Und dass wir darüber vergessen haben, zu der Quelle vorzudringen, die nie versiegt; zu der Hoffnung zu finden, die auch im Leiden besteht, weil sie ihren letzten Grund nicht in uns selbst hat.
Sind wir noch zu retten?
Unbedingt. Wir sind sogar schon gerettet. „Christus, der Retter ist da.“ In aller Unsicherheit unserer Tage, die gewiss bedrängend sein kann, haben wir jeden Grund zu sagen: wir sind getragen und gehalten! Und wir können aus dieser Gewissheit leben, indem wir auf die Liebe antworten, die Gott uns in seinem Sohn Jesus Christus schenkt. Indem wir uns Zeit nehmen: für uns selbst und die Stille, für unsere Mitmenschen und deren Nöte, und für ihn, der uns geschaffen und erlöst hat, für Gott. Indem wir zur Quelle unseres Seins zurückkehren.

Ihr Pfr. Michael Maas
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